Von der Kunst, ganze Welten zu erschaffen

Gerade Schriftsteller, die einen Roman in den Bereichen Fantasy und Science-Fiction schreiben wollen, kommen um's Verrecken nicht um das Thema Worldbuilding herum. Jeder beschwört es, alle reden und schreiben darüber - aber was genau ist Worldbuilding überhaupt?

Nun, der Name "Worldbuilding" (dt. "Weltenbau") verrät es eigentlich schon. Man baut sich seine Welt zusammen, in der die Charaktere ihre Abenteuer erleben und die Handlung der Geschichte somit voranbringen. Das Internet wäre nicht unser geliebtes Internet, wenn uns die Suchmaschinen nicht mit Treffern über Worldbuilding halb erschlagen würden. Es gibt zudem eine Menge gedruckter Ratgeber, sowie Online-Kurse und Seminare. Damit man aber nicht völlig überfordert ist, gibt es hier einen knackig-kurzen Schnelldurchlauf.

Von Geologie, Glaubwürdigkeit und Liebe zum Detail

Ohne Welt gibt es keine Geschichte. Ohne Geschichte keinen Roman. Ganz egal, wie verrückt und magisch die Geschehnisse auch sind, es gibt auch auf schwebenden Inseln oder in Palästen unter dem Meer physikalische Gesetze. Es gibt (in den meisten Fällen) feste Landmassen, Berge und Flüsse. Deine Welt hat feste Maße. Eine für den Leser festgesetzte Größe und Regeln, nach denen sich die Bewohner dieser Welt richten. Manch einer schüttelt jetzt vermutlich den Kopf und denkt sich, dass er hier fantastische Geschichten und Schlachten im Weltraum erschaffen möchte - und keine geologische Abhandlung. Natürlich, Zahlen können langweilen, aber gerade feste Strukturen und messbare Werte machen deine Welt trotz aller Zauberei und hochmoderner Laser zu etwas, was der Leser glaubt. Was er glauben möchte. Denn nichts ist schlimmer, als wenn man eine Geschichte dem Erschaffer nicht abkaufen kann, weil die beschriebene Welt sich permanent zu verändern scheint, oder gar gleich das gefürchtete "White Room Syndrome" vorherrscht.

Nimm dir die Zeit und befasse dich mit der Struktur deiner Welt. Gibt es verschiedene Länder? Wenn ja, wie viele? Wie heißen diese? Aus welchem Gestein ist der Boden, welches Klima herrscht? Welche Meere gibt es und wie viele Flüsse? Wie heißen die Seen und Berge? Wie heißen die Hauptstädte der jeweiligen Länder, wie viele Dörfer gibt es und wie weit liegen sie voneinander entfernt?

TIPP: Praktische "Generators and Worldbuilding Tools " wie zum Beispiel Inkarnate und Azgaar's Fantasy Maps bieten tolle und kostenlose Möglichkeiten, sich online seine Welt mit praktischen Tools zu erstellen - und anschließend als JPG oder PDF zu speichern.

Sprache, Kultur und Gerüche

Du hast die geologischen Grundfeste deiner Welt geschaffen, herzlichen Glühstrumpf. Jetzt geht es an die Details. Was unterscheidet deine Länder voneinander? Was definiert die jeweilige Kultur? Welche Sprache wird gesprochen? Gib deiner Welt und den jeweiligen Ländern eine Farbe, einen Klang und einen Geruch. Gerüche sind nicht immer angenehm, man nehme nur die S-Bahn im Hochsommer, wenn gefühlt niemand Deo benutzt. Aber auch Gestank prägt sich ein. Welche Musik wird gespielt, welche Instrumente und welche Speisen sind typisch für ein Volk? 

Schau dir nur J. R. R. Tolkien an. Dieser Mann hat nicht nur "Mittelerde" erschaffen, sondern die Welt, in der Mittelerde liegt. Er erschuf Völker, ihre Sprachen und darüber hinaus die komplette geologische und evolutionäre Entwicklungsbiologie seiner Welt und der darin lebenden Wesen. Klar, nicht jeder von uns schreibt mal eben kurz nebenbei ein "Silmarillion" runter, aber wir sind ja auch nicht der verehrte Herr Tolkien. Jedoch zeigt gerade der Urvater von "Herr der Ringe", was man alles mit Liebe zum Detail erreichen kann - und wie lange man ganze Generationen damit begeistert.

Spannungen und Streit als "Motivation"

Wir alle wünschen uns Frieden, aber die Realität sieht leider anders aus. Spannungen, Neid und Gier sind tief verankert und der Grundstein vieler Kriege und Schlachten. Es gäbe kein "Herr der Ringe", wenn nicht Machthunger und Gier existieren würden. Frodo hätte niemals loszuckeln müssen, wenn sich alle von Anfang an lieb gehabt hätten. Jede Geschichte braucht einen Anfang, einen Stein, der geworfen wird und eine ganze Lawine an Ereignissen auslöst.

Nutze deine Welt als Spielbrett für eben diese "menschlichen" Macken. Sicher mögen sich nicht alle Völker, es gibt Spannungen bei Handelsabkommen oder gar Kriege. Wer ist Freund und wer ist Feind? Natürlich, das Leben ist nicht schwarz-weiß, aber äußere Einflüsse haben einen enormen Einfluss auf deine Charaktere. Ein Protagonist, in dessen Heimat gerade ein schrecklicher Krieg herrscht, der hungert und alles verloren hat, ist ziemlich sicher kein naiver Träumer, sondern eher misstrauisch und jemand, der sich auch mal die Hände schmutzig macht. Dieser Protagonist ist ziemlich sicher auf Rache aus und von Wut getrieben. Nicht, weil er von Natur aus einfach Bock hat ein paar Soldaten den Schädel einzuschlagen, sondern weil ihn sein Umfeld dazu treibt.

Niemand ist gegen die Einflüsse der Umwelt immun.

Eine Welt, ein Land und eine Kultur haben eine Vergangenheit. Mach dir Gedanken über das, was in deiner Welt vor den aktuellen Geschehnissen deines Romans gelaufen ist. Gibt es Religionen? Wenn ja, welche Gottheiten und hat man sie schon immer verehrt? Wurden sie vielleicht durch andere Kulturen geprägt oder von Reformen verändert? Wie funktioniert der Regierungsapparat? Welche Regierungsformen hat das Land bereits hinter sich? Welche Krisen gab es, Nöte und Aufstände? Erschaffe ein solides Konstrukt und verleihe deiner Welt dadurch eine unschätzbare Festigkeit. Denn mal ehrlich - niemand möchte, dass seine Welt wie ein Kartenhaus zusammenbricht.

Urban Fantasy - Wenn Magie auf Realität trifft

Wer im Bereich "Urban Fantasy" tätig ist, hat vielleicht schon bemerkt, dass man gerade von den eingefleischten Fans aus der "High"-Ecke etwas belächelt wird. Immerhin macht man es sich ja leicht, oder? Man erschafft keine Welten, sondern greift auf reale Orte wie New York, London oder Paris zurück.

Die Straßen, in denen gegen Dämonen gekämpft und von Vampiren geflohen wird, gibt es meist tatsächlich und wer Lust hat, kann quasi auf den Pfaden von "Lockwood & Co." durch London schlendern. Doch auch "urbane" Fantasy benötigt Planung. Vor allem sollte man die Orte kennen, in denen das magische Abenteuer spielt. Jemand, der noch nie in New York gewesen war, sollte diese Stadt vielleicht nicht gerade als Hauptort für seinen Roman aussuchen. "Echte New Yorker", die den Roman in die Finger bekommen, würden es noch auf der ersten Seite merken - und die Geschichte aus Prinzip nicht glauben.

Nur wer eine Stadt kennt, kann ihr den gewissen "magischen Charme" verleihen, der auch Kenner verzaubert.

Bedenke jedoch, dass bekannte Orte eine Überraschung bieten sollten. Wieso nicht ein berühmtes Museum als finalen Ort des großen Finales auswählen? Oder das Einwohnermeldeamt, wo es scheinbar niemals vorangeht, mit halb verwesten Zombies besetzen? Eine U-Bahn-Linie ist in einer Stadt dafür bekannt, dass sie permanent Störungen hat - oder ganz ausfällt? Lass die Bahn ein magisches Portal sein, welches sich zu bestimmten Zeiten öffnet und daher den Betrieb lahmlegt. Gerade im Bereich "Urban Fantasy" kann man herrliche Anekdoten einbauen und reale Ereignisse und Orte auf die Schippe nehmen.

Ein dafür (meiner Meinung nach) gelungenes Beispiel ist der Gag über die Londoner Autobahn M25, die im echten Leben für ihre Staus bekannt ist. In "Good Omens" haben sich Terry Pratchett und Neil Gaiman über genau diese Autobahn lustig gemacht, indem sie ihren Bau der "Hölle selbst" zuschreiben, beziehungsweise dem Dämon Crowley, der in den Bau gepfuscht hat.

Eine "Urbane Welt" wird vielleicht nicht komplett neu erschaffen, aber du kannst sie erweitern. Sie mit Feinheiten und Anspielungen spicken und für den Leser spannend machen. Erzeuge zwischen dicht befahrenen Straßen und Neonlicht einen Mikrokosmos der Magie. Welche Wesen bewohnen die Stadt? Woher kommen sie ursprünglich, wie sind ihre Beziehungen untereinander? Wer hat mit wem Konflikte?

Eine Stadt ist dicht bevölkert, ihre Gassen dunkel und ihre Nächte lang.

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